ADHS bei Mädchen - Wie ein Nashorn deinem Kind beim Konzentrieren hilft.
- Sabi Kasper
- 2. Aug.
- 7 Min. Lesezeit
Träumst du schon wieder von Einhörnern?
"Wo bist du mit deinen Gedanken?"
"Kannst du nicht einmal bei der Sache bleiben?"
"Hast du schon wieder deine Hausaufgaben vergessen?"
"Musst du immer alles verlieren?"
Mit unangenehmen Fragen wie diesen ist Nelli Nashorn - die liebenswürdige (Anti-)Heldin unseres gleichnamigen Kinderbuchs zum Thema ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) bei Mädchen - ständig konfrontiert. Zuhause und in der Schule.
"Du musst dich nur konzentrieren", sind sich Nellis Eltern und ihre Lehrerin einig.
Wenn das so einfach wäre, das mit der Konzentration ...

Was bedeutet eigentlich "Konzentration"?
Für alle, die es genau wissen wollen, heißt es im Lexikon für Psychologie (Dorsch, Hogrefe):
Konzentration ist die Fähigkeit, Handlungen absichtsvoll zu steuern und ihre Ausführung zu kontrollieren (Handlungskontrolle).
Das klingt sehr technisch. Vielleicht ein praktisches Beispiel dazu?
Du hast dir vorgenommen, diesen Blog-Beitrag bis zum Ende zu lesen (= Absicht), weil du genau wissen willst, warum ADHS bei Mädchen oft anders ist als bei Jungen. Um das durchzuziehen (= Handlung), musst(est) du deine Aufmerksamkeit bündeln. D.h. den Fokus ganz auf den Text legen.
Alles andere ausblenden (= Kontrolle). Wie z.B. das "Pling" deines Handys, das eine neue WhatsApp ankündigt. Die Katze, die um deine Beine streicht. Oder den verführerischen Duft, der aus der Küche strömt (denn ja, dein/e Freund:in hat dein Leibgericht gekocht!).
Du denkst vielleicht "easy peasy", also kinderleicht. Aber mal ehrlich: Wie oft hüpfen deine Gedanken woandershin? Zum gemütlichen Abendessen. Zum "Ich-muss-noch-schnell ..." Oder zur bevorstehenden Familienfeier mit Franz, von dem du sicher bist, dass er ADHS hat.
Um deine Aufmerksamkeit auf diesen Beitrag zu lenken, musst(est) du deinen Kopf freikriegen.
Wann gelingt dir das wahrscheinlich am besten? Richtig, wenn dich das Thema ADHS bei Mädchen brennend interessiert. Und wenn der Text dich regelrecht in den Bann zieht - was er hoffentlich macht ;-).
Dann ist es leichter, dranzubleiben - wenn auch mit geistigem Energieaufwand.
Dann ist es leichter, sich zu konzentrieren.
Was aber, wenn genau das schwer fällt? Also die
bewusste Fokussierung der Aufmerksamkeit auf eine Sache, eine Tätigkeit, ein Ziel oder eine Aufgabe.
In bestimmten Situationen ist das ganz normal. Vielleicht warst du die halbe Nacht wach, weil du eine Präsentation fertig machen musstest. Oder dein Kopf fühlt sich an, als würde ihn ein Presslufthammer bearbeiten. Oder du machst dir wegen der Wutausbrüche deines Kindes Sorgen.
Vielleicht liest du den Beitrag in einem überfüllten Zug - mit viel zu vielen Ablenkungen. Vor dir mampft jemand eine Leberkässemmel. Das Kind hinter dir tritt unentwegt gegen deinen Sitz. Drei Reihen weiter vorne zischt der Energydrink beim Öffnen. Aus einem Handy plärrt es "Atemlos durch die Nacht", während ein anderes Handy alle Details zur Darmspiegelung seines Besitzers preisgibt. Und zu allem Überfluss hast du heute den Wollpulli an, der im Nacken kratzt.
So wie dir im überfüllten Zug geht es Nelli Nashorn und damit Mädchen mit ADHS den ganzen Tag!
Konzentrationsprobleme bei Mädchen mit ADHS
Wie bei Nelli Nashorn aus unserem Kinderbuch prasseln verschiedenste Reize permanent und vor allem gleichzeitg auf Mädchen mit ADHS ein.
Während Mädchen mit ADHS versuchen, sich z.B. auf die Schulübung zu konzentrieren, hören sie das Spitzen des Bleistiftes, das Rascheln der Heftseiten, das Tuscheln in der hinteren Reihe, das Vogelgezwitscher vor dem Fenster. Sie sehen den bunten Einhorn-Radierer des Sitznachbarn, die Streifen am T-Shirt der Mitschülerin, den Schokoriegel, der aus der Schultasche gefallen ist. Sie denken, dass sie am Nachmittag Schokoladeneis essen möchten. Oder doch lieber mit den Freund:innen Muffins backen? Und ist nicht bald Lias Geburtstagsfest? Das wird toll!

Die Schulübung ist längst vergessen, obwohl Mädchen mit ADHS wirklich dranbleiben wollten!
Sie blinzeln ins viel zu grelle Sonnenlicht und verziehen das Gesicht, weil die verschwitzten Turnsachen im Bankfach müffeln. Wer hat sie da bloß hineingelegt?
Die Hausschuhe drücken und Mädchen mit ADHS spüren die Murmeln in der Hosentasche. Als sie sie herausholen, um sie über das Heft kullern zu lassen (eine von 100 superspontanen Ideen!), erhaschen sie den ärgerlichen Blick der Lehrerin, und zucken zusammen.
Puh!, denkst du. Da wird einem allein vom Lesen schon schwindlig.
Reizüberflutung, leichte Ablenkbarkeit, Zerstreutheit und Tagträumereien gehören zum Alltag von Mädchen mit ADHS. Durch ihr Aufmerksamkeitsdefizit - dem ersten Kriterium für ADHS - fällt es ihnen schwerer, bei einer Sache - wie z.B. der Schulübung - zu bleiben. Obwohl sie sich wirklich richtig anstrengen! So sehr, dass sie sich nach einem Schultag gestresst und erschöpft fühlen. Durch die permanente Überforderung kommt es daheim nicht selten zu heftigen Gefühlsausbrüchen.
Auch unserer Kinderbuchheldin Nelli Nashorn wird schnell alles zu viel, vor allem, wenn sie ständig von der Lehrerin kritisiert, von Mitschüler:innen gehänselt oder sogar von den Eltern in Frage gestellt wird.
Vielleicht kannst du dir vorstellen, warum bereits ein "harmloses" 'Wie war es in der Schule?' einen heftigen Wutanfall oder ein tränenreiches Mittagessen auslösen kann. Gefolgt von Gefühlen wie Schuld und Scham.
Mädchen mit ADHS zeigen mitunter starke Gefühlsschwankungen. Gepaart mit ihrer Impulsivität - dem zweiten Kriterium für ADHS - verstärken diese den enormen Leidensdruck.
Impulsivität zeigt sich weiters z.B. durch den Drang, sofort zu handeln, nicht abwarten zu können, anderen ins Wort zu fallen oder durch Dauerquasseln.
Warum wird ADHS bei Mädchen dennoch oft übersehen?
ADHS wird häufig mit hyperaktiven Jungen in Verbindung gebracht, die nicht still sitzen können, ständig mit den Armen und Beinen zappeln, rumhampeln und dauernd stören.

Ein Junge mit ADHS wird deshalb - z.B. im Unterricht - schneller auffallen. Ein Mädchen mit ADHS hingegen seltener - meist weil es dem unaufmerksamen Typus von ADHS zuzuordnen ist.
Obwohl Mädchen mit ADHS ebenfalls mit Hyperaktivität - dem dritten Kriterium für ADHS - zu kämpfen haben, erleben sie die meisten mehr als innere Unruhe.
Warum? Weil Mädchen von Geburt an - leider immer noch - mit stereotypen und längst überholten Rollenerwartungen konfrontiert sind, die klar zeigen: "Jungen dürfen wild und laut sein. Mädchen allerdings sollen brav und leise sein."
Die meisten Mädchen mit ADHS versuchen (meist unbewusst), diesen Rollenerwartungen zu entsprechen, also sozial angepasst zu sein. Nur nicht auffallen. Nur nicht zeigen, dass "mit ihnen etwas nicht stimmt".
Denn, dass bei ihnen etwas anders ist, merken sie. Spätestens durch die Rückmeldungen ihres Umfelds:
"Ich muss sie zehnmal rufen, bis sie mich hört."
"Sie kommt im Unterricht nicht mit, weil sie so langsam und unorganisiert ist."
"Wenn ich sie etwas frage, gibt sie keine Antwort."
"Nie hat sie ihre Hausaufgaben dabei."
Trotzdem werden die Probleme von Mädchen mit ADHS oft unterschätzt. Sie sind ja "nur unaufmerksam und verträumt". "Zerstreut und vergesslich". Oder "ein bisschen chaotisch".
Solange sie nicht stören ...
Das ist ein Grund, warum Mädchen mit ADHS leichter übersehen werden. Warum sie für ihr Umfeld "unsichtbar" sind, vor allem in Gruppensituationen wie der Schulklasse.
Ein weiterer Grund ist folgende Überzeugung (die ich regelmäßig von Eltern höre):
Meine Tochter kann gar nicht ADHS haben, denn beim Minecraft-Spielen kann sie sich stundenlang konzentrieren.
Das stimmt insofern, dass die Aufmerksamkeit Schwankungen unterworfen ist und stark vom Interesse abhängt. Was Eltern, Pädagog:innen und andere Betreuungspersonen hier beschreiben, nennt man Hyperfokus.
Ist die Situation oder Aufgabe spannend, faszinierend und anregend genug, wird ein Mädchen mit ADHS - wie in einen Tunnel - regelrecht in die Sache "hineingezogen". Dies gilt übrigens auch für Jungs. Die Konzentration auf das Neue - z.B. ein PC-Spiel - ist dermaßen intensiv, dass alles ringsherum ausgeblendet wird. Auch wichtige Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Schlaf oder Pausen.
Auf packende Spielstunden mit Creeper und Enderman folgt - wenig überraschend - Erschöpfung.
Wer keine Hilfe kriegt, muss allein schauen, wie er zurecht kommt.
Nachdem Mädchen mit ADHS oft nicht wissen (können), dass sie ein Problem mit der Aufmerksamkeit haben (sie kennen es ja nicht anders!), beginnen sie früh zu kompensieren.
Mit unglaublicher Kraftanstrengung versuchen sie, die an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Anderen zu beweisen, dass sie nicht "faul", "unwillig" oder "desinteressiert" sind.
Mit dem Ergebnis: Überforderung, Stress, emotionale Überwältigung, Selbstzweifel und ein niedriger Selbstwert.
Schließlich haben die Mitschüler:innen kein Problem, ihren Schreibtisch in Ordnung zu halten oder ihren Turnbeutel dabeizuhaben. Mädchen mit ADHS "müssen sich also nur mehr zusammenreißen" und "sich noch mehr anstrengen" - Sätze, die sie zur Genüge zu hören bekommen.
Wie Don Quijote treten sie dabei gegen Windmühlen an. Denn bei ADHS geht es nicht um ein "Nicht Wollen", sondern ein "Nicht Können".
Das ist also mit mir los! Und wie Nelli Nashorn helfen kann ...
Vielen Mädchen mit (unerkannter!) ADHS würde es schon helfen zu wissen, was mit ihnen los ist. Dass sie ihr Anderssein bzw. Andersfunktionieren einordnen können. Dass sie erfahren: Da gibt es Mädchen - und natürlich Nashörner. ;-) -, denen geht es genauso wie mir.
Nelli Nashorn ist eine wunderbare Figur, die die inneren Kämpfe vieler Mädchen mit ADHS verkörpert. Sie verliert sich oft in ihren Gedanken, hat eine blühende Fantasie und kann stundenlang in ihrer eigenen Einhorn-Welt verweilen. Gleichzeitig möchte sie - in der Schule und daheim - alles richtig machen. Sie wünscht sich, dass ihre Anstrengungen gesehen und gewürdigt werden. Und, dass sie nicht auf ihre Konzentrationsprobleme reduziert wird. Sondern, dass ihre Kreativität, ihre sozialen Fähigkeiten und ihr Vorstellungsvermögen als Potenzial erkannt werden.
Die Rückmeldung vieler Leser:innen zeigt: Mädchen mit ADHS identifizieren sich stark mit Nelli Nashorn. Durch Nellis Geschichte werden sie ermutigt, manchmal zum ersten Mal über die eigenen Erfahrungen, Gedanken und Gefühle zu sprechen.
Gemeinsam mit Nelli lernen sie außerdem erste praktische Hilfsmittel kennen: das "Erinnerungskästchen" und den "Konzentriertrick von Uroma".
In einem Brief von Nelli am Ende des Buches bekommen Mädchen mit ADHS weitere Tipps, wie sie ihre Konzentration stärken können.
Darüberhinaus bekommen auch Eltern, Pädagog:innen und andere Betreuungspersonen durch Nelli Nashorn wertvolle Einblicke in die Innenwelt von Mädchen mit ADHS. Diese können helfen, zu verstehen, was diese Mädchen besonders brauchen:
Einfühlungsvermögen, Verständnis, Ermutigung und Unterstützung.
Lass uns gemeinsam mit Nelli Nashorn Mädchen mit ADHS helfen, ihre verborgenen Kämpfe zu bewältigen und ihre einzigartigen Talente und Fähigkeiten zu entfalten.
Damit keine kleine Heldin unsichtbar bleibt.

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