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Kinderbuchheld:innen sind Freund:innen fürs Leben

  • sabi Kasper
  • 31. Okt. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 3. Jan.

Noch mal Kind sein ... A walk down memory lane ...


Stell dir vor, du bist wieder 9 Jahre alt (natürlich nur, wenn dir das angenehm ist). Es sind Sommerferien. Die letzten Monate hast du darauf hingefiebert, endlich mehr mit deinen besten Freund:innen unternehmen zu können. Ohne störende Hausaufgaben und lästiges Lernen. Du hast dir ausgemalt, wie ihr im Freibad die coolsten Sprünge erfindet, mit den Rädern durch den Ort flitzt und danach testet, wer zuerst fünf Kugeln Erdbeereis vertilgen kann. Und jetzt? Deine Freund:innen sind im Urlaub - irgendwo zwischen Burgenland und Italien. Und dir ist uuuuur faaaaad!


Oma meint, du könntest ja mit deinen Geschwistern schwimmen gehen. Oder mit dem Nachbarn radeln. Doch deine Geschwister trauen sich nicht aufs 3-Meter-Brett und dein Nachbar fährt noch mit Stützen.

"Dann", sagt Oma, "lies einfach ein Buch!"

Da ist ja Schach mit Opa aufregender, auch wenn er dabei immer einschläft. Aber Opa ist außer Haus und die Langeweile zäh wie Kaugummi. Widerwillig holst du ein Buch aus Omas Regal.


Ein Mädchen mit langen Haaren und eine alte weißhaarige Frau schauen zusammen in ein Buch. Image von WIX
Ein Mädchen mit langen Haaren und eine alte weißhaarige Frau schauen zusammen in ein Buch. Image von WIX

Vielleicht bist du - mit 9 Jahren - aber auch eines der Kinder, das zu Beginn der Sommerferien bereits einen Stapel Bücher aus der Bibliothek nach Hause geschleppt hat. Um endlich in die spannendsten Abenteuer eintauchen zu können. Ohne störende Hausaufgaben und lästiges Lernen. Einfach nur du und dein Buch.


Oder du hast ein richtig blödes Schuljahr hinter dir. Du bist neu in der 3. Klasse gewesen, weil ihr umziehen musstet. Die anderen Kinder haben dich ständig gehänselt. Nun bist du froh, dass du Sommerferien hast. Lesen hilft dir. Deine Probleme sind dann weit weg.


Ronja Räubertochter, Madita, Justus Jonas, Harry Potter oder Feuerherz?


Das Cover des Buches, das du aussuchst, verspricht Abenteuer, Spannung, Rätsel knacken, Magie oder etwas ganz anderes. Du liest die ersten Seiten, das Papier knistert beim Umblättern. Die Hauptfigur ist dir auf Anhieb sympathisch. Vielleicht, weil sie ein bisschen wie du ist. Oder so wie du gerne wärst. Mutig wie Ronja Räubertochter. Mit einem guten Herz und verrückten Ideen wie Madita. Scharfsinnig, mit schneller Kombinationsgabe wie Justus Jonas. Freundlich und entschlossen wie Harry Potter. Einfühlsam und kreativ wie Rico. Stark und unabhängig wie Pippi Langstrumpf. Unerschrocken und treu wie Atréju. Oder gutmütig wie Feuerherz.


Ein rothaariger Bub liest mit Taschenlampe unter der Bettdecke. Image von BrickBard auf pixabay.com
Ein rothaariger Bub liest mit Taschenlampe unter der Bettdecke. Image von BrickBard auf pixabay.com

Du gehst mit der Hauptfigur durch dick und dünn. Bald kennst du sie in- und auswendig - ihre Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte, Ängste und Geheimnisse. Mehr noch: Du schlüpfst in ihre Haut. Siehst, was sie sieht. Hörst, was sie hört. Fühlst, was sie fühlt.

Nicht nur im Kopf.

Du spielst Szenen aus dem Buch nach. Du BIST Atréju. Und diesmal muss dein Nachbar herhalten. In ein weißes Bettlaken gehüllt, muss er die Kindliche Kaiserin im Elfenbeinturm sein, die dir den Auftrag erteilt, Phantásien zu retten. Du spürst die Verantwortung, die auf Atréju lastet. Spürst seine unerschütterliche Treue und den Drang, das Unmögliche zu schaffen.


Oder du BIST Ronja Räubertochter. Du streifst durch den Wald. Zwischen Brombeerhecken entdeckst du eine Höhle. Mit Blättern und Moos machst du es dir drinnen gemütlich. Du schnitzt einen Speer und malst dir aus, wie du hier mit deinen Freund:innen den Winter verbringst.


Du bist der Hauptfigur ganz nah. Sie ist zu deinem/deiner neuen Freund:in geworden.


Was macht eigentlich eine/n Freund:in aus?


Ein/e Freund:in ist ein Mensch, mit dem du viel Zeit verbringst. Mit dem du auch Neues, Verrücktes ausprobierst (das Eltern manchmal nicht so prickelnd finden ...).

Der sich oft für ähnliche Dinge interessiert. Der dir seine Gefühle, Sorgen und Probleme anvertraut. Mit dir lacht und mit dir weint. Der in schwierigen Zeiten zu dir steht und dich versteht.

"Ein Freund ist ein Mensch, der die Melodie Deines Herzens kennt."

Albert Einstein


Allein der Gedanke an deine/n Freund:in löst ein warmes, wohliges Gefühl in dir aus.


Ein Mädchen und ein Bub umarmen sich. Sie schauen sich an und lächeln. Image von WIX
Ein Mädchen und ein Bub umarmen sich. Sie schauen sich an und lächeln. Image von WIX

Möglicherweise denkst du: Klar, das gilt alles für ECHTE Menschen. Wie kann ein/e Kinderbuchheld:in - also eine erfundene (!) Figur - dein/e Freund:in sein?


Vielleicht aus ähnlichen Gründen, wie dein Kuschelteddy, dein Dino zum Einschlafen, deine Stoffpuppe oder dein unsichtbarer Spielgefährte deine Freund:innen (gewesen) sind. Sie sind für dich da, wenn du dich fürchtest. Trösten dich, wenn ein anderes Kind gemein zu dir ist. Leiden mit dir mit. (Hast du dir das Knie aufgeschürft, bekommt Teddy natürlich auch ein Pflaster.) Mit diesen besonderen Freund:innen an deiner Seite fühlst du dich geborgen und weniger einsam.

"Das war im Kindergarten", sagst du. "Aber mit 9?"


Das Bedürfnis nach Beziehung und Verbindung bleibt ein Leben lang. Sich wahrgenommen fühlen. Angenommen. Zu spüren, dass du gemocht wirst. Das wünschen sich die meisten Menschen. Im besten Fall erlebst du das mit deinen echten Freund:innen. (Wenn sie nicht gerade irgendwo zwischen Burgenland und Italien im Urlaub sind ...)


Dem geht's genauso wie mir!


Allerdings wären da noch deine Schwierigkeiten, Sorgen oder Ängste. Mit 9 redest du nicht gerne drüber. Schon gar nicht mit deinen Freund:innen.


Eine Superheldin mit roter Maske legt einem kleineren Superhelden mit blauer Maske tröstend den Arm um die Schulter. Aus "Fips, Kiki und die Schule der Superhelden". G&G-Verlag. Illustration von Julia Gerigk.
Eine Superheldin mit roter Maske legt einem kleineren Superhelden mit blauer Maske tröstend den Arm um die Schulter. Aus "Fips, Kiki und die Schule der Superhelden". G&G-Verlag. Illustration von Julia Gerigk.

Wie ein Großteil der Kinder, bist du überzeugt: Bei den anderen ist alles in Ordnung. Keine Streitereien zwischen den Eltern. Keine Trennungen. Keine Geldprobleme. Kein ADHS. Denn von außen wirken viele Familien "ganz normal".


Nun verbringst du schon einige Zeit deiner Sommerferien mit Madita, Rico, Feuerherz oder Harry Potter. Überrascht stellst du fest: Da gibt es jemanden, dem geht es genauso wie mir! Das tröstet und schweißt zusammen.

Denn im Unterschied zum echten Leben werden in Kinderbüchern (und später besonders in Jugendbüchern) Probleme bewusst aufgegriffen. Du kriegst hautnah mit, wie sich dein/e Kinderbuchheld:in fühlt. Was er/sie denkt, hofft oder fürchtet. Dieser Einblick ins Innenleben einer Person - wenn auch einer fiktiven - entlastet ungemein. Du bist nicht allein mit deinen Problemen!


Oft identifizierst du dich - genau deshalb - mit der Hauptfigur. Das passiert unbewusst, ohne großes Zutun. Durch sie kannst du - schon in Gedanken - neue Seiten ausleben. Ohne Konsequenzen. Kannst dir vorstellen, du widersprichst - wie Ronja Räubertochter - deinen Eltern. Oder du schützt dich mit einem Protego-Zauber vor einer fiesen Mitschülerin. In deiner Fantasie ist alles möglich.


Darüberhinaus erlebst du, was dein/e Kinderbuchheld:in alles macht, welche Anstrengungen er/sie auf sich nimmt, damit es ihm/ihr besser geht. Bzw. damit sich seine/ihre Situation verändert. Und welche Unterstützung er/sie dabei bekommt.

Das gibt Hoffnung und Mut. Eine wichtige Voraussetzung für Veränderung.


Und sind es nicht auch Freund:innen, die dich ermutigen und unterstützen?


Du und dein Kind in 2025


Komm nun zurück in die Gegenwart. Du bist wieder so alt wie du bist.


Stell dir nun vor, es sind Sommerferien 2025. Deinem Kind, Enkelkind, Patenkind, Pflegekind oder Herzenskind ist uuuuur faaaaad. Denn seine Freund:innen sind im Urlaub - irgendwo zwischen Burgenland und Italien.

Nachdem alle deine Vorschläge, etwas anderes zu unternehmen, abgeschmettert worden sind, sagst du zu deinem Kind: "Dann lies einfach ein Buch!"


Widerwillig holt es ein Buch aus dem Regal. Dein Blick fällt auf das Cover. Du erkennst es sofort. Viel zu viel Zeit ist vergangen, seit du und dein/e Kinderbuchheld:in euch gemeinsam in unzählige Abenteuer gestürzt habt. Du denkst daran, wie ihr euch das erste Mal begegnet seid. Wie du und dein/e Freund:in durch dick und dünn gegangen seid.


Du lächelst und ein warmes, wohliges Gefühl breitet sich in dir aus.






 
 
 

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